Schulpartnerschaft überwindet Grenzen!

Steffen Judersleben über die Nepalreise 2015

Mein Aufenthalt in Gati liegt drei Wochen zurück und es ist an der Zeit, Gedanken und Erlebtes zu Papier zu bringen.

Es ist anders

Es ist anders, weil ca. 10 Prozent der Familien nach dem Monsun noch nicht wieder nach Gati zurückgekehrt sind. Man sucht einfach bekannte Gesichter und Personen.
Es war anders, weil wir nicht in intakten Häusern unserer Gastfamilien sondern in temporären Behelfsunterkünften genächtigt haben. Für die Tage in Gati war dies kein Problem. Für die Familien ist aber der kommende Winter nicht unproblematisch. Positiv ist, sie haben sich eingerichtet und werden auch den kälteren Temperaturen widerstehen. In höher gelegenen Dörfern ist dies aber weitaus kritischer zu sehen.
Es war anders, weil der Schulunterricht in den temporären Klassenzimmern nicht wirklich funktionieren kann. Die Klassenzimmer sind mit Wellblech ergänzte Bretterverschläge. Sie sind an einer Seite völlig offen und es ist nicht vorstellbar, dass hier in den Wintermonaten Unterricht stattfinden kann.
Es ist anders, weil man sehr oft zum Erdrutsch oberhalb Gatis schaut und hofft, dass der aufgerissene Hang nicht noch mehr Gestein nach unten freigibt.
Es ist anders, weil die Angst vor weiteren Beben buchstäblich in den Gesichtern der Menschen, vor allem der Kinder ablesbar ist.

Es ist wie immer

Es ist wie immer, wenn wirkliche Freunde sich nach 12 Monaten wiedersehen. Es ist die unbeschreibliche Herzlichkeit der Dorfbewohner, die den Schock der ersten Eindrücke in Gati mildern.
Es ist wie immer, wenn die Kleinsten in den Kindergarten kommen und ihr Lachen, ihr Spielen den Kindergarten und das Außengelände mit Leben erfüllen.
Es ist wie immer, wenn am Morgen auf dem Schulsportplatz vor Unterrichtsbeginn alle Schüler die Nationalhymne singen und jeder der ca. 200 Schüler zu uns kommt, um uns mit einem herzlichen Namaste zu begrüßen.
Es ist wie immer, wenn in gemeinsamen Meetings mit dem Schulkomitee, den Lehrern, Vertretern des Jugendclubs und der Frauengruppe die nächsten Schritte und Projekte besprochen werden.
Es ist wie immer, wenn die deutschen Freunde im „Dorfladen“ (aus Bretter und Wellblech) am Abend ein Bier kaufen können.
Es ist wie immer, wenn am Abend viele Fragen erörtert werden. Vor allem, wann wer (Dagmar, die Notendealer, Hartmut vom MDR, René der Fotograph und die Schüler) wieder nach Gati kommen und wie es ihnen allen geht.
Es ist auch wie immer, dass keine privaten Wünsche geäußert werden. Natürlich ist die Situation kompliziert, aber es gibt keine Klagen.
Es ist aber auch wie immer, dass wir Deutschen die Uhr haben und unsere nepalesischen Freunde haben die Zeit und deutlich mehr Gelassenheit. Sie haben auch die Zeit um zu warten.

 

Die Fakten

Durch die deutsche Brille gesehen sollte doch sechs Monate nach dem Erdbeben vom Wiederaufbau etwas mehr zusehen sein. Nur das diese Brille hier in Nepal, hier im Erdbebengebiet ziemlich beschlagen ist, wenn man nicht hinter die Kulissen schaut.

Viele Dorfbewohner haben vor dem Monsun Gati VDC verlassen. Die Angst war größer als die Bindung an Grund und Boden. Es ging einfach ums Überleben. Bis heute sind noch nicht alle Familien in die Dörfer zurückgekehrt. Wer etwas Geld gespart hat lebt mit der gesamten Familie in einem gemieteten Raum in Kathmandu oder Bakthapur und hofft mit einem Tagesjob Geld für den Wiederaufbau des Hauses in Gati zu verdienen. Die Kinder gehen in zugewiesene Schulen für Betroffene der Erdbeben. Nima ist der Meinung, dass ca. 90 Prozent der Familien wieder in Gati VDC leben.
Während des Monsuns gab es keine neuen Erdrutsche. Dennoch waren die Wege und die Zufahrt nach Gati kaum bis nicht benutzbar. Während unseres Aufstiegs nach Gati konnten wir uns vom Gegenteil überzeugen. Hunderte neuangelegte Stufen ermöglichten einen schnellen und gefahrlosen Aufstieg nach Gati. Auch der befahrbare Weg vom Arniko-Highway nach Gati ist mit einem Jeep oder LKW nutzbar. An den steilsten Stellen wurden die Natursteine senkrecht in den Boden gerammt. Beide Projekte wurden von der Dorfbevölkerung umgesetzt. Als Lohn gab es von einer NGO Lebensmittel. Die gibt es tatsächlich nur, wenn die „Begünstigten“ im Dorf soziale Arbeit leisten.
Die Stromleitung ist unterhalb von Gati gerissen. Alle hoffen auf eine Reparatur durch den Stromversorger. Vorab müssen aber die Voraussetzungen in Gati geschaffen werden. Bis dahin leuchten jede Nacht über einhundert Solarlampen.
Gatis Wasserversorgung ist fast komplett intakt. Die große Waschstelle wird nach wie vor von vier Wasserleitungen versorgt. Auch im Dorf gibt es reichlich Wasserstellen mit Wasser aus Wasserleitungen. Auch einige kleine Toilettenhäuschen haben die Erdbeben überstanden. Sicher ist die hygienische Situation nicht einfach, aber im Vergleich zu anderen Dörfern sind die Voraussetzungen in Sachen Hygiene in Gati gut.
Dies gilt auch für die medizinische Grundversorgung. Das neue, kleine Gesundheitszentrum besteht aus zwei Räumen. Ein Behandlungsraum mit ausreichend Medikamenten und Platz für den Krankenpfleger sowie ein Raum mit vier Liegen für intensivere bzw. langwierigere Behandlungen. Mit zwei Paketen voller Medikamente haben wir das Lager wieder aufgefüllt. Die Medikamente gibt es kostenlos und der Krankenpfleger ist jeden Tag vor Ort.
Da die Ernte normal ausfällt, entspannt sich auch die Lebensmittelsituation etwas.
Der Schulunterricht findet in provisorischen, soll ich jetzt schreiben „Verschlägen“ oder Klassenzimmern, statt. Sicher hat dieses Provisorium Anfang Juni funktioniert, aber der Unterricht ist an sich nur sehr eingeschränkt möglich. Da wir davon ausgehen können, dass die neue Schule erst 2017 fertig wird, müssen für zwei Winter einfach bessere Lernbedingungen geschaffen werden. Dies ist umso wichtiger, da aktuell mehr Schüler als vor dem Erdbeben an unserer Schule lernen.
Im Meeting mit dem Schulkomitee und den Lehrern wurde entschieden, dass fünf temporäre Klassenzimmer am Standort der alten, zerstörten Schule entstehen sollen. Hierzu musste der Standort der zerstörten Schule beräumt werden. Dies erfolgte gleich an den nächsten zwei Tagen. In einer gemeinsamen Aktion mit der Dorfbevölkerung übergaben wir die Fläche für die Baumaßnahme „besenrein“. Unter Verwendung vorhandener Steine und Holz sollen die fünf neuen Räume ca. 2.000 Euro kosten. In den Kosten ist auch der Lohn für die „Bauleute“, die aus Gati kommen, enthalten. Es ist je nach Qualifizierung ein Tagessatz zwischen sechs und acht Euro vereinbart.
Zu diesen neuen fünf Räumen können auch die sechs Räume des Schulerweiterungsbaus genutzt werden. Das war für uns eine Überraschung, da die Regierung das Gebäude als „gefährdet“ eingestuft hatte. Aber die Architekten und Ingenieure von MinErgy haben dem widersprochen. Wir konnten uns selbst davon überzeugen, dass es im Gebäude nur vereinzelte, sehr kleine Risse an den Verbindungsstellen zu den Trägern gab.
Es ist sehr gut zu wissen, dass wir mit unseren Lehrern und dem Schulkomitee ein sehr gutes und motiviertes Team in Gati haben. Vielen Dank!

 

Rückblick, Sachstand und wie weiter?

Spenden einzuwerben gehört seit 10 Jahren zum Tätigkeitsbereich der Schülerfirma. Nach den zwei Erdbeben wurden gewohnte Arbeitsabläufe auf den Kopf gestellt. Es erhöhte sich die Intensität, die öffentliche Präsenz, aber auch die Verantwortung. Das aktuelle Spendenaufkommen beträgt 281.186 Euro. Weitere Spenden in Höhe von 62.000 Euro wurden zugesagt und 1.970 Spendeneingänge konnten bisher verbucht. werden.

Um die größte Not nach dem Erdbeben zu lindern, organisierte Namaste Nepal Kathmandu (NNK), die Partnerorganisation der Schülerfirma, sehr schnell erste Hilfstransporte nach Gati VDC. Viele Sachspenden konnten Raj und die anderen Mitglieder von NNK auch in Kathmandu organisieren. So zum Beispiel Wellblechplatten von einem Freund aus China. Gleichzeitig galt es, Parallelaktionen zur Arbeit der großen Hilfsorganisationen zu vermeiden.
Mit der gesamten Situation zurechtzukommen war nicht einfach. Viele Fragen und unzählige Mails gingen in Richtung Nepal. Nach intensiven Beratungen mit unseren nepalesischen Partnern wurden die Prioritäten für die nächsten Monate festgelegt. Die eingegangenen Spenden werden nur für soziale Maßnahmen und Projekte eingesetzt. Die Schwerpunkte liegen in den Bereichen Bildung und Gesundheitsversorgung. Finanzielle Zuschüsse für die Dorfbewohner wurden nicht befürwortet.
In der Distriktverwaltung von Sindhupalchowk unterzeichnete NNK die Vereinbarung zum Wiederaufbau von acht Schulen in Gati VDC. Grundlage war die große Spendenbereitschaft, um die Verantwortung für den Wiederaufbau der Secondary School in Gati, der Lower Secondary School in Kasheri und der Grundschulen in Dandakateri, Mandra, Sotang, Sakuwa, Bugam und Singarche zu übernehmen.
Für die in Nepal zerstörten über 5.000 Schulen hat die Regierung eine Verordnung für den Wiederaufbau erlassen. So müssen neben den fünf bzw. zehn Klassenräumen, ein Kindergarten, ein Auditorium/ Seminarraum für die Dorfbevölkerung (mind. 60 Plätze), ein Gesundheitszentrum, Räume für eine Berufsausbildung, eine Küche und ein Lagerraum vorgesehen werden.
Es war schwer, Architekten zu finden, die die notwendigen und genehmigungsfähigen Planunterlagen erstellen können. Vor drei Monaten wurde MinErgy, eine nepalesische NGO mit einer großen Anzahl an Ingenieuren und Architekten beauftragt, diese Aufgabe zu übernehmen. Eine erste Ideenskizze wurde während eines Meetings am 27. Oktober in Kathmandu vorgestellt. Ein guter Anfang. Die Schulkomitees in den Dörfern von Gati VDC sind direkt mit eingebunden und erarbeiten gegenwärtig entsprechende Raumkonzepte. Diese stellen direkt auf die individuelle Situation sowie auf die Bedürfnisse der einzelnen Dörfer ab. Die Detailplanung für ein verallgemeinerbares Modell einer Primary-School und für die Secondary-School in Gati erfolgt in diesem Monat. Danach kann der notwendige Finanzbedarf weiter qualifiziert werden. Zur Zeit gehen wir von Kosten für eine Primary-School von 50.000 Euro aus. Darin enthalten sind nur die Baukosten.
Am 29. November fand ein weiteres Meeting mit MinErgy statt. U.a. wurde entschieden, dass aus jedem Dorf für den Schulneubau Verantwortliche benannt werden. Während des Baus der ersten Schule werden diese von Fachleuten ausgebildet, um dann die Verantwortung für den Schulbau im eigenen Dorf zu übernehmen. Hierzu wird MinErgy konkrete Trainings-/Workshopeinheiten organisieren. Die Dorfbewohner, die sich am Neubau der Schulen beteiligen, erhalten einen Tageslohn. Über diesen Weg wird indirekt auch der Wiederaufbau im privaten Bereich unterstützt.
In Gati VDC sollen erdbebensichere, funktionale und regional typische Schulgebäude entstehen. MinErgy und NNK haben sich auch zu Kosteneffektivität und -reduktion bekannt. Nach der Vorstellung der Detailplanung von MinErgy werden die weiteren Maßnahmen festgeschrieben. Sicher dürfte aber sein, dass nicht alle acht Schulen im nächsten Jahr gebaut werden können. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, etwas lax gesagt , noch auf den Spendengeldern zu sitzen. Oder anders formuliert, verantwortungsvoll mit den Spenden umzugehen.
Sollten Sofortmaßnahmen, z.B. bei Engpässen an Lebensmitteln notwendig sein, kann und wird sofort reagiert. Auch die laufenden Kosten für die Gesundheitsstation werden weiterhin aus den Spenden finanziert.
Aber auch die „normalen“ Projekte laufen parallel weiter. Der temporäre Schulbetrieb ist in bestmöglicher Qualität abzusichern. Lehrer und Kindergärtnerinnen müssen ihren Lohn erhalten. Das Projekt „erste Kaffee-Ernte in Gati“ wird trotz Erdbeben weitergeführt. Hierfür werden die Spendengelder aus dem Nepallauf und die Erträge aus dem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb eingesetzt.

Abschließend noch ein Überblick über die bisherige Verwendung der Spendengelder „Erdbebenhilfe“ (durchschnittlicher Umrechnungskurs 110 NRp für einem Euro):
1.020 € Hilfsgüter
570 € Transport der Hilfsgüter
750 € Medikamente
315 € Lohn Krankenpfleger
7.560 € Schulmaterialien, Schultaschen, Schultafeln, etc.
2.400 € Tagung Schulentwicklungsplan (SIP) in Kathmandu
362 € Verpflegungs- und Unterkunftskosten während der Hilfsaktionen
1.371 € MinErgy für Bestandsaufnahme in Gati VDC und erste Entwürfe
2.000 € Neubau von fünf temporären Klassenzimmern in Gati

Gesamtsumme: 16.348 €

Natürlich bleiben wir weiter am Ball, denn die Finanzierung aller acht Schulen ist noch nicht abgesichert. Wir bleiben am Ball auch gegen das Vergessen. Jeder Euro ist wichtig und jeder Euro kommt an.

Autor:

Steffen Judersleben

Projektkoordinator der Schülerfirma